Begegnung mit …

… Louisiana Red.

Um eines vorweg zu nehmen. Mr. Red gehörte nicht zu den großen kommerziellen Blues-Musikern. Er gehörte einfach zu DEN Blues-Musikern. Und genau das machte ihn groß. Und da ich nun schon in der Vergangenheit schreibe – Louisiana Red ist gestorben.

Über seine Musik, die uns Blues-Liebhabern das Leben immer wieder verschönerte, uns getröstet oder uns auch zum weinen gebracht hat – werde ich nicht viele Worte verlieren. Denn die Musik – die bleibt uns ewig.

Ich erzähle heute meine Geschichte mit Louisiana Red.

Paulas Mama, Paula und Louisiana Red (v.l.)


Als ich noch ziemlich klein war, sollte ich eine Begegnung mit einem Mann haben, die es in der DDR hätte nie geben dürfen.

Meine Eltern waren dem Jazz und im Besonderen dem Blues sehr zugetan. Sie arbeiteten beide journalistisch und so kam es, dass sie auf einem der vielen von ihnen besuchten Jazz-Festivals einige Leute aus der BRD kennen gelernt hatten. Das waren wohl auch Journalisten, Leute von irgendeiner Plattenfirma und Studenten – das kann ich heute nicht mehr genau sagen. Über diese Leute lernten sie auch Mr. Red kennen. Und – wie auch immer das gekommen ist – alle feierten in der Wohnung meiner Eltern eine tolle Party. Die Leute aus der BRD, Mr. Red, meine Eltern – und ich.

Es hat mir so gut gefallen – alle waren fröhlich. Es gab Mohnkuchen und für die Erwachsenen Hochprozentiges. Vor allem aber wurde gesungen und „geklampft“. Dieser in meinen Augen sehr dunkle Mann, mit den tollen vielen Haaren und den ganz vielen Sommersprossen konnte sehr gut singen und er konnte richtig gut Gitarre spielen. Meine Mutter konnte das auch sehr gut, aber dieser Mann war faszinierend. Ich konnte nicht aufhören ihn anzusehen, ich konnte nicht aufhören  mit ihm zu singen – obwohl er in einer mir völlig fremden Sprache sang – Englisch. Es war einfach großartig – auch wenn ich die Umstände und das auf jeden Fall vorhandene Verbot damals nicht verstehen konnte. Für mich waren alle Menschen gleich, egal woher sie kamen – und das ist auch heute noch so.

Und wie das so ist, es wurden viele Fotos gemacht. Private Fotos – aber auch (wie wir später erfahren sollten) nicht so private.

Ein Jahr später trafen sich meine Eltern und die Leute aus dem Westen wieder. Die Leute aus dem Westen hatten Geschenke dabei. Nein, keine Schokolade oder Kaffee – für die Musikliebhaber hatten sie natürlich Platten dabei, die es bei uns in der DDR nicht gab. Eine Platte war die von Louisiana Red – seine neuste Platte. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie fast ohnmächtig geworden ist – denn auf dem Cover war Mr. Red abgebildet. Das allein war nicht der Grund für die fast stattgefundene Ohnmacht – ich, die kleine Paula, saß auf seinem Schoß! Ein Foto von der Party damals in unserer Wohnung – aufgenommen in Berlin (Ost).

Aus DDR-Sicht kann ich nur froh sein, dass offenbar die Staatssicherheit davon nichts gewusst hat, denn ich glaube schon, dass ich auf einer Platte des Klassenfeinds bestimmt nicht gern gesehen worden wäre – und meine Eltern hätten mit noch größerer Sicherheit Probleme bekommen.

Staatssicherheit hin oder her – für mich ist diese wunderbare Platte einfach nur eine Erinnerung an einen Mann mit vielen Sommersprossen, vielen sehr schwarzen Locken – der ganz toll mit mir zusammen gesungen hat.

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