“Das Haus hat einen Keller und ein Dach”

 Ein Gespräch mit Till Brönner am
23./24.03.2013, gegen 02:00 Uhr morgens

Dass dieses Gespräch überhaupt stattfinden konnte, verdanke ich einer Schallplatte von André Previn und vielen Helfern, die dafür gesorgt haben, dass ich das gute Stück nach offenbar jahrelangem Aufenthalt im Keller überhaupt verschenken konnte. Diese Platte „Soft and Swinging“ hat für Till Brönner eine persönliche Bedeutung und er war seit Jahren auf der Suche nach ihr. Ich konnte ihm eine große Freude machen, indem ich ihm diese alte Scheibe schenkte und Till Brönner machte mir eine wirklich große Freude, indem er mir dieses Interview gab:

Paula:

„Glückwunsch zu diesem großartigen Album – einem Album, welches ich tatsächlich mal nicht in der Badewanne höre. Aber es muss auch Brönner-Alben geben, die ich einfach nur laut höre!

Mich interessiert zunächst mal brennend, wie sich Musiker blind verstehen. Vorhin sagtest Du auf der Bühne, dass die Band in dieser Besetzung erst seit gestern zusammen spielt – ihr probt ja nicht einmal die Woche. Wie funktioniert das?“

Till:

„Es ist natürlich viel improvisiert. Das, was wir sozusagen spielen, was so gut zusammen klingt, Themen und all das – das ist ein Gerüst. Und dieses Gerüst kehrt formal immer wieder. Und innerhalb dieses Gerüstes haben wir sehr, sehr freie und weitgesteckte Felder, in denen wir uns betätigen können. Letztlich wissen wir aber zu jedem Zeitpunkt immer, wo wir alle sind, nur dass der eine halt mal rausgeht dabei. Du musst Dir das so vorstellen, dass wir alle auf derselben Straße fahren und einer verzieht sich mal ins Gebüsch und wir wissen, ok der ist jetzt da vorne. Wir wissen genau, wo der ist. Wir sehen ihn auch und wir wissen, wahrscheinlich wird er hinten rechts hinter dem Hügel wieder zur Gruppe dazu stoßen. Und weil wir alle weiter fahren, dahin  wo der andere gerade ist, ist das von großem Reiz. Und dazu kommt, dass alle sehr, sehr, sehr gut ausgebildet sind, muss man sagen und deswegen einfach nicht an den Grundlagen des Instrumentes scheitern, sondern das Instrument letztendlich nur dazu da ist, um über das Instrument wirklich zu sprechen und eigentlich zu fliegen. Also je besser ausgebildet und das ist bei so einer Band der Fall, umso leichter fällt das improvisieren. Weil man sozusagen nicht den Füller mit Tinte auffüllen muss oder die Axt schärfen – es ist einfach unglaublich geschärftes Material und dann wird auf sehr hohem Niveau einfach nur noch der Inhalt ausgetauscht.“

Paula:

„Also seid ihr trotz alledem dann relativ frei. Für mich stellt sich diese Frage – Takte werdet ihr ja nicht zählen?“

Till (lacht):

„Nein!“

Paula:

„Für uns Zuhörer hört sich die Musik– auch wenn sie frei improvisiert ist – immer sehr folgerichtig an.“

Till:

„Ja, es gibt natürlich auch ganz andere Formen von Jazz. Also ich hab sicherlich für ganz freie Formen nicht nur großes Verständnis, sondern auch ein großes Faible. Aber was es in meinen Augen bleibt, es ist eine Form, eine Ausprägung, die sich letztlich einfach manchmal schwer vermitteln lässt und Vermittlung ist nicht unwichtig. Es ist glaub ich wichtig, dass Dinge einen Anfang und ein Ende haben und nur im Moment zu kreieren, bedeutet einfach auch in Kauf zu nehmen, dass eine bestimmte Energie auf der Bühne passiert oder eben nicht. Das ist also ein freier Flug – ein freier Fall, wenn man so möchte. Das können wir auch, aber ehrlich gesagt, macht es gar nicht so viel Spaß, über zwei Stunden lang nur frei zu fallen. Da gibt es diese Momente, aber in der Regel spielen wir auf jeden Fall einen Anfang, der so eine Art Vorstellung ist, ein Thema, dann wird improvisiert und wir enden auch wieder bei diesem Thema. Also das Haus hat einen Keller und ein Dach.“

Paula:

„Bemerkenswert und geradezu grandios fand ich mein allererstes Konzert mit Dir – ein großartiger Abend mit der Band D.I.G. – the band. Faszinierend fand ich, wie sehr Ihr da alle Spaß hattet. Also Interaktionen mit dem Publikum sehr reduziert stattfanden. Wesentlich weniger als heute und ich fand sehr schön, wie ihr Euch immer gefreut habt, wenn einer ein Solo spielte, dass so gut war, dass ihr alle auf positive Art und Weise geschockt ausgesehen habt. War das so?“

Till:

„Es gibt auf jeden Fall die Tendenz und das hab ich auch öfter mal von Bands beobachtet, die das zum Stilmittel erklären möglichst unbeteiligt zu wirken. Es hat auch ne lange Tradition. Miles Davis hat eine Schule daraus gemacht, das Publikum weder anzusprechen noch anzugucken, sondern sogar mit dem Rücken zu ihm zu spielen, dabei aber auszusehen wie ein Givenchy-Model – mit Zigarette und allem drum und dran. Das ist auch eine große Inszenierung gewesen. Wir leben heute in einem Zeitalter, in dem es fast schon negativ auffällt, wenn man auf die Bühne geht, ohne den Kontakt zur Außenwelt zu haben. Es ist letztlich auch die Aussage, dass wir nicht Musik für uns selbst machen wollen, das könnten wir ja auch ohne Publikum – also wenn wir da sind, sagen wir auch „guten Abend zusammen“.“

Paula:

„An dem Abend fand ich es trotzdem schön zu sehen.“

Till (lacht wieder): 

„Ja genau.“

Paula:

„Wie streng bist Du zu Dir? Und wie sehr ärgerst Du Dich, wenn Du Dich verspielst? Oder spielt das live keine Rolle und ich hab mir kraus gezogene Stirn und das fast unsichtbare Kopfschütteln nur eingebildet?“

Till:

„Am Besten ist es natürlich immer, ein Pokerface zu machen und auf nichts zu reagieren, was daneben geht. Aber das kenn ich von allen. Und letztlich ist es auch der Mut, einfach zu allem zu stehen, was da passiert.“

Paula:

„Ich weiß, das macht den Musiker gerade deshalb auch sehr sympathisch.“

Till:

„Ja, ja. Aber spätestens nach dem Krausziehen der Stirn sollte das Lachen kommen oder zumindest das Lächeln darüber, dass man es versucht hat, aber als Mensch auch mal daneben gelegen hat. Aber wir reden jetzt ja auch von einem relativ kleinen Prozentsatz, ansonsten hätte ich jetzt wohl noch größere Falten auf der Stirn.“

Paula:

„Eine letzte Frage noch. Du benutzt sehr häufig das Wort „unfassbar“. Ich betrachte Wörter gern mal im eigentlichen Kontext – meinst Du genau „unfassbar“, wenn Du es sagst?“

Till:

„Man könnte auch sagen „unglaublich“ – wobei, das ist ja eigentlich dasselbe. Oder „bemerkenswert“. Aber nach „unfassbar“ wird es eigentlich immer nur noch schnöder und trockener. Und wenn jemand, der sich einbildet, was zu wissen von dem was er da erzählt, „unfassbar“ sagt, dann hören die Leute anders zu.“

Paula:

„Till, ich bedanke mich sehr herzlich für Deine Zeit und das Gespräch. Viel Spaß mit Deiner neuen alten Schallplatte.“

 

Nachtrag:

Dass dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, ist für mich allerdings fast „unfassbar“.

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One Response to “Das Haus hat einen Keller und ein Dach”

  1. T.P. says:

    Ich beneide Dich und freue mich für Dich, dass Du Till so nah kommen konntest.
    Tolles Interview!!!

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