Jazz pur mit Till Brönner

Unfassbar

Das neue Lieblingswort vieler Künstler. Auch Till Brönner benutzt dieses Wort häufig. Er schreibt es auch häufig. Im Sinne des Wortes betrifft es etwas, was so toll ist, dass man es eben nicht fassen kann. Meint Till Brönner also genau das, wenn er dieses Wort benutzt? Eine Antwort darauf habe ich tatsächlich noch bekommen. Freut Euch also auf ein Interview, demnächst hier auf meiner Seite.
Doch es geht nicht um dieses Wort – im Prinzip nicht. Es geht um Musik und um Jazz im Besonderen. Wenn man sich über Jazz unterhält oder aber nur bekundet, dass man Jazz gut findet, dann wird man komisch angesehen. Kellermusik, die nicht im Radio, läuft ist uncool. Noch schlimmer ist es jedoch, wenn man auf scheinbar Gleichgesinnte trifft, die sofort ihr gesamtes Wissen kundtun. Dann kommt Till Brönner oft nicht gut weg. Er wäre dem Jazz untreu, oder noch schlimmer: Er hat den Jazz verraten. Da kann ich nur müde lächeln. Ich persönlich glaube, dass in den letzten Jahren kaum ein Zweiter so viel für Jazz „made in Germany“ getan hat – und das auch über die deutschen Grenzen hinaus. Durch gekonnte Mischungen mit „cooler“ und aktueller Musik schafft es Brönner immer wieder, auch Leute für Jazz zu begeistern, die sich das sonst nie anhören würden. Er schafft es, Gastmusiker zu gewinnen, die sonst keinen Jazz singen oder er tritt als Juror und Mentor im Fernsehen auf. Und auch wenn das den so genannten Jazzern (es liest sich lustiger, wenn man das Wort „deutsch“ liest) gar nicht gefällt, Jazz findet eben auch wegen ihm nicht mehr nur im Keller statt, sondern endlich wieder auf größeren Bühnen.
Am heutigen Abend ist einmal mehr überdeutlich, dass Jazz keineswegs klein oder gar unbekannt ist. Der Club ist brechend voll, so wie er es auch gestern war. Bei weitem nicht nur wegen Brönner. Solch ein Konzert würde ohne die anderen wunderbaren Musiker nicht funktionieren. Wenngleich Till Brönner ja immer gern als Galionsfigur oder Aushängeschild für alles Mögliche benutzt wird (und das meine ich ganz genau so!), er allein mit seiner Trompete wäre nichts.
Am heutigen Abend glänzt eben nicht nur die Trompete,
sondern auch das Saxophon mit einem leidenschaftlichen Mark Wyand.

Tino Derado am Piano schafft es, dass sein anspruchsvolles Spiel herrlich leicht aussieht. Glanz versprüht auch der großartige Christian von Kaphengst, der nicht nur den E-Bass, sondern auch eine MPC spielt, als würde er nie etwas anderes machen. Und David Haynes, der zwar oft durch die anderen Musiker verdeckt – aber auf keinen Fall zu überhören ist.
Es ist nun einmal dem Instrument selbst geschuldet, dass der Trompeter vorn steht und nicht dem Trompeter selbst.
Brönner erzählt uns, dass die Band in dieser Formation sozusagen erst seit gestern zusammen spielt. Also ist am heutigen Abend auch eine Seite an Musikern zu sehen, die uns sonst vorenthalten bleibt. Absprachen live auf der Bühne – geflüstert in das Ohr von Wyand – oder kleine Zeichen, die den weiteren Verlauf eines Stückes bestimmen. Die einzelnen Soli der Protagonisten an diesem Abend sind sowohl als einzelnes Hörerlebnis mehr als brillant, aber die dann wieder erstaunlich folgerichtig einsetzenden Musiker machen einen Großteil dessen aus, was gut und gern als Professionalität gepaart mit luftiger Leichtigkeit bezeichnet werden kann. Dieses sich Zusammenfinden macht für mich gerade den Unterschied zwischen einem Livekonzert und dem Hören einer CD zu Hause aus. Und natürlich die Musiker selbst, denen ich im A-Trane in die Augen sehen  kann. Wenn ich hin und wieder einen Blick auf David Haynes am Schlagzeug erhasche, sehe ich weit aufgerissene Augen und zusammengepresste Lippen. Er ist hoch konzentriert. Und dann folgt ein strahlendes Lächeln nach einem seiner Soli, die so gut sind, dass der Club förmlich explodiert. Und es sind auch diese Momente, die mit einer CD niemals erlebt werden können – auch nicht mit einer Schallplatte. Während eines Solos von Brönner, repariert Mark Wyand mal eben sein Saxophon, er baut einen Teil auseinander, fügt das Instrument wieder zusammen und spielt schweißgebadet extrem glänzend weiter.
Gespielt werden Songs vom aktuellen Album, wie das herrliche „Wild Nature“ aus Brönners Feder. Aber auch Klassiker und einige Stücke vom „Oceana“-Album – meinem absolutem Lieblingsalbum von Brönner. Kurz vor der Pause erleben wir ein Stück namens „Sister, Sister“, geschrieben von Mark Wyand. Gestern, so Brönner, hieß das Stück noch anders. Die Musiker schmunzeln und das Publikum lacht mit. Der Qualität dieses Stückes schadet dieser Lacher überhaupt nicht – im Gegenteil. Der nun sehr offensichtliche Spaßfaktor der „Kellermusik“ ist wirklich einzigartig.
Die Stimmung am heutigen Abend ist fröhlich, fast ausgelassen. Denn durch die Erweiterung der Jazz-Fangemeinde, die wir ja unter anderem auch Till Brönner zu verdanken haben, ist das Publikum sehr gemischt. Zu den meist Rotwein trinkenden Kennern, fanden sich auch sehr junge – dann eben Bier trinkende – Menschen im A-Trane ein. Neben mir saß ein Ehepaar – beide so um die 70 Jahre alt. Sie hatten mindestens so viel Vergnügen, wie die hinter mir stehenden jungen Männer. In der Pause habe ich mich mit einer Zuhörerin unterhalten, die seit Jahren nicht mehr auf einem Brönner-Konzert war. Ihr waren die zwischenzeitlichen Alben zu weich. Aber jetzt, wo er sich wieder dem puren Jazz widmet, kommt sie gern wieder. Und so erfahre ich, dass Jazz wirklich auf jede erdenkliche Art und Weise funktioniert und die Menschen erreicht.
Wie immer habe ich nach Konzerten im A-Trane das Gefühl, dass sie viel zu schnell enden. Als ich auf die Uhr sehe, ist es tatsächlich schon 01:00 Uhr morgens. Die Herrlichkeit des Konzerts hat also mein Zeitgefühl ausgeschaltet und ich bin einmal mehr froh und glücklich, dabei gewesen zu sein.

Ein „unfassbares“ Konzert.

 

 

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